Bergische Landeszeitung vom 17.10.02
Bergisch Gladbach. Auf der blauen Insel herrscht Ordnung. Die Trolle, die dort leben, haben adrette Häuser, und sie haben gelernt: Leistung lohnt sich. Wer nichts hat, der ist auch nichts.
Befehle erhalten sie von "Der Stimme" aus einem Wachturm, von einer unsichtbaren Obrigkeit. Und Radomar, der Aufseher, achtet darauf, dass alle folgsam und fleißig sind, ob klein oder groß. Herumspielen und Trödeln ist nicht erlaubt. Radomar macht mit seinem Boot gelegentlich auch Entdeckungsreisen, und dabei gelangt er eines Tages zur grünen Sonneninsel.
Auch hier wohnen Trolle, glücklich und zufrieden. Ihr fruchtbares Land ernährt sie, es bleibt immer Zeizt zum Singen und Tanzen - bis Radomar kommt.
Er entdeckt schnell, dass im Boden der Sonneninsel Glitzersteine schlummern, die man wahrscheinlich gut vermarkten kann. Den Trollen gibt er Rauschebeeren, die sie erst high und dann schläfrig machen, und während sie von singenden Sternen und anderen Seltsamkeiten träumen, gräbt Radomar die Felder um und die Glitzersteine aus, nimmt so viele mit, wie er tragen kann und lässt Verwüstung zurück.
Zu Trost verkauft er den Trollen dann allerlei Wunderpulver und verspricht: wenn sie die ausstreuen, wächst auf jedem Fleckchen was, ganz egal, was sie säen und pflanzen, zudem größer und schöner als je zuvor ... Tatsächlich, die Ernte fällt üppig aus, doch ihre Früchte sind ungenießbar, man wird sogar krank davon. Die Trolle können mit ihrer verseuchten Insel nichts mehr anfangen und beschließen schweren Herzens, so zu verlassen, zur blauen Insel zu fahren und den großen Radomar um Rat und Hilfe zu bitten.
Doch am Ziel sind sie herzlich unwillkommen. Sie dürfen weder arbeiten, noch fischen und ihren Fang verkaufen. Nur ein paar Tage werden sie auf dem Müllplatz geduldet, dann befiehlt die Stimme aus dem Turm: "Alle fremden Trolle müssen die blaue Insel sofort verlassen." Was wird nun aus ihnen?
Ein nachdenkliche Geschichte. Die Puppenspielerinnen Heide Hamann und Gundula Mehlfeld aus dem Bensberger Puppen-Pavillon haben sie erdacht, produziert und inszeniert, die Kunst-Studentin Christiane Nanda Tillmann entwarf das lichte, handliche und wandelbare Bühnenbild und baute die liebenswerten, putzigen, skurrilen Troll-Tischfiguren. "Kleiner Troll, was nun?" ist das Stück überschrieben und diese Frage ist so gemeint: Das Publikum ist aufgefordert, sich Antworten auszudenken. An Bereitschaft dazu fehlte es denn auch nicht bei den Kindern der Evangelischen Grundschule Bensberg(2.Schuljahr/3.Schuljahr), die dieser Tage zur Vorpremiere in den Puppen-Pavillon eingeladen waren.
"Unser Schluß", erklärte Heide Hamann ihnen zum Vorstellungsende, "ist eigentlich zu traurig, so geht das nicht. Wir wollen gemeinsam überlegen, ob uns nicht was Besseres einfällt." Die Vorschläge kamen spontan. Der schlimme Radomar sollte auf die grüne Insel expediert werden, um dort wieder gutzumachen, was er angerichtet hat und so aufzuräumen, "dass die Trolle wieder heimfahren können" verlangte einer der kleinen Zuschauer. Ein anderer rief zum Widerstand auf.
Die Trolle, so riet er, sollten sich die Ausweisung nicht gefallen lassen. Eine Stimmenmehrheit gab es für das Toleranz-Prinzip: "Alle, die auf der blauen Insel sind, sollen da auch bleiben und sich vertragen!"
"Kleiner Troll, was nun?" ist eine Auftragsarbeit des Bergisch Gladbacher Stadtverbandes für Entwicklungszusammenarbeit und der Versuch, für Kinder den weitreichenden, komplexen Problemkreis von Enwicklungs- und Zuwanderungspolitik, Fremdenfeindlichkeit, Globalisierung und weltweiter Umweltzerstörung auf verständliche Weise zu thematisieren, Zusammenhänge aufzuzeigen. Keine leichte Aufgabe.
Heide Hamann und Gundula Mehlfeld haben sich ihr nicht nur mit professionellem Geschick, sondern auch mit persönlichem Engagement gewidmet, sie entwickelten ihr Konzept dafür sorgsam und gründlich. Es gelang ihnen, die komplizierte Materie auf einen "märchenhaft" einfachen Nenner zu konzentrieren. Die Sprache bleibt leicht und locker, ist gut pointiert, hat Witz und Humor, hält die Spannung über eine relativ lange Spieldauer von etwa einer Stunde - stets im Einklang mit szenischer Bewegung und szenischem Bild. Sachkenntnis und Erfahrung flossen ein: Heide Hamann hat jahrelang zugewanderte Roma-Familien in Köln betreut, sie ist Mit-Initiatorin des (ebenfalls vom Entwicklungsstadtverband geförderten) jugoslawischen Kriegsflüchtlingsprojekt, "Brücken bauen" in Becej, der "vergessenen Stadt". Der Troll steht nicht auf dem Spielplan des Puppen-Pavillons, das Stück soll nur in Schulen gespielt, nach den Herbstferien - zusammen mit didaktischem Begleitmaterial - allen bergischen Grundschulen zur Aufführung angeboten werden. Anfragen: Ruf (02204) 5 46 3.